SYNOPSIS

 

DAS NEUBACHER PROJEKT erzählt die Geschichte von Marcus J. Carney und seiner Familie mütterlicherseits. Am Anfang scheinen alle Portraitierten großteils gesunde, durchschnittlich neurotische Mitglieder einer durchschnittlichen Familie zu sein. Der Filmemacher versucht die Nazi-Familiengeschichte aufzuarbeiten, Schritt für Schritt entdeckt er jedoch tiefere Verstrickungen und Schichten der Verdrängung.
Die Hauptbeziehung im Film entwickelt sich zwischen dem Filmemacher und seiner Mutter, die während der Dreharbeiten an Krebs erkrankt.

 

Mit seiner überwältigenden Montage von familiärem Foto- und 8mm-Filmmaterial darf dieser Film zurecht ein Episches Home Movie genannt werden. Die Grenzen zwischen ‘privat’ und ‘öffentlich’ verschwimmen zunehmend bei Carney’s Einsatz von Archivmaterial, das seine Vorfahren als Mitglieder der Österreichischen Nazi-Elite zeigt. Carney erforscht in diesem Langzeitprojekt mithilfe emotionalisierender Bilder das Trauma einer typischen österreichischen Familie, die von atavistischer Jägertradition ebenso bestimmt wird wie von ihrem Schuldgefühl, resultierend aus ihrer eigenartigen Verstrickung in den Nationalsozialismus. Im Zentrum dieser gebrochenen Familie steht die Unfähigkeit zu trauern. Diese wird so stark, daß sie Leben kostet.

 

Acht Jahre sind von der Notwendigkeit das Projekt zu beginnen bis zu seiner Fertigstellung vergangen. Carney’s Großmutter und in der Folge auch seine Mutter sind währenddessen gestorben. Wir werden Zeugen wie beide Frauen tragischerweise nicht mehr fähig werden mit dem Vermächtnis umzugehen. Je mehr Carney herausfindet, desto mehr wird sein eigenes Bild erschüttert. Aus Überlebensstrategie oder Zynismus hat die Großmutter ihre unmittelbare Schuld niemals eingestanden. Die Mutter wiederum war ihr Leben lang hin- und hergerissen zwischen ihrer Anerkennung historischer Fakten und ihrer Liebe für ihre Eltern. Dies hat ihr eigenes Leben zerstört und bedroht indirekt das des Filmemachers. Er findet sich in einer ähnlichen Lage wieder: wie kann er eine Mutter lieben, die zu Liebe nicht fähig ist?

 

Carney’s Blick hält der Agonie beider Frauen stand – und er erspart sich selbst nicht, die Kamera gegen seine eigene Agonie zu richten. So wie er gebannt und ohne Selbstmitleid in die Vergangenheit und die sich tragisch entwickelnde Gegenwart blickt, sehen wir ihn dabei, wie er lernt nicht mehr über die Verdrängung seiner Mutter zu richten. Er akzeptiert, daß diese Verdrängung auch ihn geformt hat. Letztendlich schafft er es durch den Prozeß dieses Film seine Mutter ohne Bedingungen zu lieben wie sie ist.

 

In einer letzten äußerst tragischen Szene sehen wir Carney beim Begräbnis seiner Mutter die Totenrede halten, in der er keinem der Anwesenden die Fakten der Verdrängung erspart. Dies wirkt umso stärker als er sich jede Selbstgerechtigkeit dabei verbietet.

Am Ende bleibt Carney’s Mut als Aufforderung an andere Filmemacher und jeden der Film sieht: falls wir tatsächlich plötzlich die Wahrheit finden, die wir immer vorgeben zu suchen: können wir überhaupt damit leben? DAS NEUBACHER PROJEKT geht hier noch weiter: es zeigt uns wie.

 

 

 

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